Dislokation

↗ 04-005-1003-R.VL01 Vorlesung „Translatologie B-Sprache“ und 04-005-1034-R.VL01 Vorlesung „Linguistik des Russischen II“, jeweils 2. Semester, Mittwoch um 15:15, H001

Zur Geschichte des Begriffs

Der Begriff der Dislokation wurde zunächst in Schmidt (1973:144) beschrieben. In der russischsprachigen Übersetzungsforschung wurde er zuletzt in Латышев (2000:188 f.) behandelt, dort передача сигнификативных коннотаций genannt. Латышев erklärt den Begriff ebenda am folgenden Beispiel:

Dislokation

Erläuterung: Die poetische Ladung im Wort Lenz kann im Russischen nicht wiedergegeben werden – das Russische kennt nur das neutrale Wort весна. Es existiert im Russischen aber ein poetisch konnotierendes Synonym für Wald: дубрава (Denotat: Laub-, Eichenwald). Die poetische Konnotation wurde also von dem jahreszeitlichen Begriff auf den geographischen Begriff verschoben.

Unser heutiges Begriffsverständnis

Латышев hat im obigen Beispiel beim Übersetzen die poetische Konnotation auf einen anderen Begriff verlagert. Mindestens so wichtig wie semantische Informationen (Denotation und Konnotation) sind jedoch pragmatische. Seit dem Einzug kommunikationsorientierter Methoden in die Linguistik in den 1970er Jahren genügt es nicht mehr, nach einem semantischen Äquivalent  zu suchen. Mit dieser neuen Forderung eröffnen sich für uns aber auch neue Wege. Schauen wir uns hierzu das folgende Beispiel an:

Одному из подозреваемых удалось зарегистрироваться 12 раз.

Wir haben im Seminar zunächst versucht, den Satz semantisch zu übersetzen:

Einem der Tatverdächtigen gelang es, sich zwölfmal zu registrieren.

Der Satz funktioniert, schien uns in dem Kontext und für die Textsorte (journalistischer Text über Sozialbetrug) durch den Nebensatz jedoch zu sperrig, also prosodisch mangelhaft. Ganz gleich, ob dem Glücklichen hier etwas gelungen ist oder geglückt, ob er etwas vermocht, geschafft oder drauf hatte, oder er imstande war oder etwas bewerkstelligen konnte – kein deutsches Äquivalent für удалось entbindet uns von der Eröffnung eines Nebensatzes. Wollen wir aber keinen Nebensatz und auch keine Nominalkonstruktion (gelang eine 12-malige Registrierung), so haben wir ein Problem – solange wir semantisch übersetzen.

Versuchen wir nun im nächsten Schritt, statt der semantischen die pragmatische Ladung von удалось zu isolieren. Vorschläge:

  • Das ist viel!
  • Das muss man erstmal draufhaben!
  • Solche Leute müsste man ...

Eine solche pragmatische Bedeutung können wir etwa transportieren, indem wir die Zahl durch eine wertende Pronominalphrase erweitern:

Einer der Verdächtigen hatte sich nicht weniger als 12 Mal registriert.

In Anlehnung an Латышев (diesen aber erweiternd) bezeichnen wir mit dem Ausdruck Dislokation beim Übersetzen heute die Verschiebung einer ausgangssprachlichen (semantischen oder pragmatischen) Bedeutung auf einen von der Ausgangssprache abweichenden Begriff im zielsprachlichen Satz.

Weitere Beispiele

  • Покупал их отец давно, когда женщины носили смешные, пузырчатые у плеч рукава. – Gekauft hatte Vater sie vor langer Zeit, als die Frauen noch mit aufgeplusterten Ärmeln herumliefen. In einer solchen Übersetzung wird auf den Fachausdruck Puffärmel und auf das gediegene Verb tragen verzichtet und die kindliche Sichtweise vom Attribut смешной auf das Objekt und das Verb verschoben, also „trugen komische Puffärmel“ →„liefen mit aufgeplusterte Ärmeln herum“.
  • Юрий Андреевич был против поездки. Он не мешал приготовлениям, потому что считал затею неосуществимой и надеялся, что в решающую минуту она провалится.1 – Juri Shiwago war gegen die Reise. Er behinderte die Vorkehrungen nicht, denn er hielt die Idee für unrealisierbar und hoffte, sie im entscheidenden Moment scheitern zu sehen.2 Im Russischen haben wir das Wort затея, dem weniger Fundiertheit anhaftet als dem Wort идея. Diese Note wird durch das Wort Idee abgeschwächt, ausgleichend aber wieder durch den Subjektwechsel gestärkt: Durch den eingeführten Betrachtungswinkel wird die Idee auf Distanz gebracht. Es ist nun nicht mehr die Idee, die untergeht, sondern Shiwago, der sie scheitern sieht.

Überblick Folien Translatologie B-Sprache

↗ Adjektivkomposita
↗ Alternativen zum Relativsatz im Deutschen
↗ Antonymische Übersetzung
↗ Aspektbedeutung in einem Lexem realisieren
↗ dokumentarisch – instrumentell
↗ Ellipsen
↗ Hendiadys (Hendiadyoin, Zwillingsformel) und Hendiatris (Trikolon, Drillingsformel)
↗ Leerstelle außerhalb des Satzverbands schaffen
↗ Metapher
↗ Orthotypographie, Layout, Ergonomie
↗ Prozess- vs. Zustandsorientierung
↗ Raum und Gewicht einer Aussage steuern
↗ Realien im B-Gebiet Russisch
↗ Satzbestandteile auslagern
↗ Tropen: Metonymie, Synekdoche, pars pro toto, totum pro parte
↗ Übersetzungsmaximen
↗ Übersetzungsparadigmen
↗ Vorreiter
↗ Wiedergabe von Adverbialpartizipien (AP) in der Übersetzungsrichtung Deutsch-Russisch
↗ Wiedergabe von Anführungszeichen in der Übersetzungsrichtung Russisch-Deutsch
↗ Wiedergabe von Gedankenstrichen in der Übersetzungsrichtung Russisch-Deutsch
↗ Wiedergabe von Genitivverbindungen in der Übersetzungsrichtung Russisch-Deutsch

Quellen Translatologie B-Sprache

Bendixen, Bernd et al. (2017): Russisch aktuell / erklärt – geübt – beherrscht. Multimediale Lernsoftware. Wiesbaden: Harrassowitz

EMT-Expertengruppe (2009): Kompetenzprofil von Translatoren, Experten für die mehrsprachige und multimediale Kommunikation

Holz-Mänttäri, Justa (1984): Translatorisches Handeln: Theorie und Methode. Helsinki: Suomalainen Tiedeakatemia

Hönig, Hans G. (1992): „Von der erzwungenen Selbstentfremdung des Übersetzers – Ein offener Brief an Justa Holz-Mänttäri“. TEXTconTEXT, 7-1992. 1-14

Koller, Werner (2011): Einführung in die Übersetzungswissenschaft. Bern: A. Francke

Krings, Hans P. (2016): Fremdsprachenlernen mit System : das große Handbuch der besten Strategien für Anfänger, Fortgeschrittene und Profis. Hamburg: Buske

Krings, Hans P. (1988): Blick in die 'Black Box': Eine Fallstudie zum Übersetzungsprozess bei Berufsübersetzern. Arntz, R. (Hrsg.)(1988): Textlinguistik und Fachsprache. Hildesheim: Georg Olms. 393-411

Krings, Hans P. (1986): Was in den Köpfen von Übersetzern vorgeht: eine empirische Untersuchung zur Struktur des Übersetzungsprozesses an fortgeschrittenen Französischlernern. Dissertation. Tübingen: Narr

Prunc, Erich (2005): „Translationsethik“. Sandrini, Peter (Hrsg.)(2005): Fluctuat nec mergitur. Translation und Gesellschaft. Festschrift für Annemarie Schmid zum 75. Geburtstag. Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Wien u. a.: Lang. 165-194

Reineke, Detlef (2005): „Softwarelokalisierungswerkzeuge“. Reineke, Detlef / Schmitz, Klaus-Dirk (Hrsg.)(2005): Einführung in die Softwarelokalisierung. Tübingen: Gunter Narr Verlag Tübingen. 73-87

Schippan, Thea (2002): Lexikologie der deutschen Gegenwartssprache. Tübingen: Max Niemeyer

Schmidt, Heide (1973): Textinhalt, Stil und Übersetzung. Dissertation. Leipzig: Karl-Marx-Universität Leipzig

Латышев, Л. К. (2000): Технология перевода. Учебное пособие по подготовке переводчиков. Москва: НВИ-Тезаурус

Павлова А. В., Светозарова Н. Д. (2012): Трудности и возможности русско-немецкого и немецко-русского перевода. Sankt Petersburg: Anthology


1aus Пастернак, Борис, «Доктор Живаго», Kapitel 7
2Übersetzung hier: Thomas Reschke in Pasternak, Boris (2011): Doktor Shiwago. Frankfurt am Main: Fischer

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