Dr. Alexander Behrens (IALT) – Unterrichtsserver


Dislokation

Zur Geschichte des Begriffs

Der Begriff der Dislokation wurde zunächst in Schmidt (1973:144) beschrieben. In der russischsprachigen Übersetzungsforschung wurde er zuletzt in Латышев (2000:188f.) behandelt, dort передача сигнификативных коннотаций genannt. Латышев erklärt den Begriff ebenda am folgenden Beispiel:

Dislokation

Erläuterung: Die poetische Ladung im Wort Lenz kann im Russischen nicht wiedergegeben werden – das Russische kennt nur das neutrale Wort весна. Es existiert im Russischen aber ein poetisch konnotierendes Synonym für Wald: дубрава (Denotat: Laub-, Eichenwald). Die poetische Konnotation wurde also von dem jahreszeitlichen Begriff auf den geographischen Begriff verschoben.

Unser heutiges Begriffsverständnis

Латышев hat im obigen Beispiel beim Übersetzen die poetische Konnotation auf einen anderen Begriff verlagert. Mindestens so wichtig wie semantische Informationen (Denotation und Konnotation) sind jedoch pragmatische. Seit dem Einzug kommunikationsorientierter Methoden in die Linguistik in den 1970er Jahren genügt es nicht mehr, nach einem semantischen Äquivalent  zu suchen. Mit dieser neuen Forderung eröffnen sich für uns aber auch neue Wege. Schauen wir uns hierzu das folgende Beispiel an:

Одному из подозреваемых удалось зарегистрироваться 12 раз.

Wir haben im Seminar zunächst versucht, den Satz semantisch zu übersetzen:

Einem der Tatverdächtigen gelang es, sich zwölfmal zu registrieren.

Der Satz funktioniert, schien uns in dem Kontext und für die Textsorte (journalistischer Text über Sozialbetrug) durch den Nebensatz jedoch zu sperrig, also prosodisch mangelhaft. Ganz gleich, ob dem Glücklichen hier etwas gelungen ist oder geglückt, ob er etwas vermocht, geschafft oder drauf hatte, oder er imstande war oder etwas bewerkstelligen konnte – kein deutsches Äquivalent für удалось entbindet uns von der Eröffnung eines Nebensatzes. Wollen wir aber keinen Nebensatz und auch keine Nominalkonstruktion (gelang eine 12-malige Registrierung), so haben wir ein Problem – solange wir semantisch übersetzen.

Versuchen wir nun im nächsten Schritt, statt der semantischen die pragmatische Ladung von удалось zu isolieren. Vorschläge:

  • Das ist viel!
  • Das muss man erstmal draufhaben!
  • Solche Leute müsste man ...

Eine solche pragmatische Bedeutung können wir etwa transportieren, indem wir die Zahl durch eine wertende Pronominalphrase erweitern:

Einer der Verdächtigen hatte sich nicht weniger als 12 Mal registriert.

In Anlehnung an Латышев (diesen aber erweiternd) bezeichnen wir mit dem Ausdruck Dislokation beim Übersetzen heute die Verschiebung einer ausgangssprachlichen (semantischen oder pragmatischen) Bedeutung auf einen von der Ausgangssprache abweichenden Begriff im zielsprachlichen Satz.