04-MKD-2003-E.SE01 Seminar „Terminographie“ 2. Semester, Donnerstag um 15:15, H001

Die terminographische Belegarbeit (nur 04-MKD-2003-R)

Fiktives Setting

Unser fiktives Setting ist die Begriffs- und Benennungsrecherche im Rahmen eines Übersetzungs- oder Dolmetschauftrags. Im übersetzerischen Alltag ist es eher die Ausnahme, dass wir einen Terminus in einem Nachschlagewerk finden – zu schnell differenzieren die Fachgebiete aus. Für die Suche nach geeigneten terminologischen Kandidaten (s. u. Glossarteil) sollte das Studium eines aktuellen Fachtexts genügen.

Der Glossarteil …

  • ist mindestens zweisprachig
  • umfasst nicht weniger als 12 Begriffe, pro Sprache mindestens die folgenden Felder enthaltend:
  • Terminus
  • Quelle des Terminus (z. B. URL; bei Eigenprägung kann hier als Quelle auch „Verfasser/in“ angegeben werden)
  • Definition im weitesten Sinn (s. Ausführung unten; Nennung des Fachgebiets genügt nicht)
  • Kontextbeleg
  • wird bei mir als strukturierte Datei (TBX, SQL …) oder in einem Export der im Unterricht ausprobierten Tools eingereicht.

Machen Sie sich gleich eine ordentliche Datenbank für die Praxis und statten Sie die mit allen Datenfeldern aus, die Sie im Alltag gebrauchen können.

Wenn Sie zu jedem Terminus ein Fachgebiet nennen wollen, können Sie sich am Fachgebietsregister des BDÜ orientieren; achten Sie aber zumindest darauf, dass das Fachgebiet, welches Sie nennen, auch eines ist. Wörter wie Finanzen oder Geschichte sind keine Fachgebiete.

Wird in der Zielsprache eine Paraphrase erforderlich, was besonders bei Realien passieren kann, so übersetzen Sie bitte den kompletten ausgangssprachlichen Kontextbeleg / Satz.

Checkliste für die Datenqualität

  1. Der Kandidat ist ein Terminus.
  2. Die Fach- oder Internetgemeinschaft hat die Arbeit nicht bereits für Sie erledigt. Ziel der Übung ist die Terminologiegewinnung, konkreter, kreatives, indeterminiertes Arbeiten. Alles also, was Sie in einem Nachschlagewerk finden und richtig ist, kann als „abgeerntet“ und für die Hausarbeit ungeeignet gelten.
  3. Der Kandidat wurde nicht durch Komposition oder Adjektivfügung aus zwei bekannten Konstituenten gebildet, dergestalt, dass er sich in der Zielsprache „von selbst“ erschließt  Schnellzug – fast train.
  4. Der Kandidat ist kein Internationalismus  Tetrodotoxin – tetrodotoxin.
  5. Die Kandidaten können unterschiedlichen Begriffsfeldern und Fachgebieten angehören.
  6. Die Rechercherichtung kann im Glossar wechseln (de ↔ ru).
  7. Der Terminus beugt sich den allgemeinen Groß- und Kleinschreibungsregeln der jeweiligen Sprache. Die Wikipedia, die jedes Lemma mit einem Großbuchstaben beginnt, ist hier kein Vorbild.
  8. Eventuell vorkommende Diakritika (etwa Tremas) sind in Lemmata gesetzt.
  9. Der Terminus liegt lemmatisiert vor.
  10. Sollte die Übersetzung eine Paraphrase sein: Die Paraphrase erfasst alle für die Abrenzung von kontigen Begriffen im jeweiligen Kontext erforderlichen Merkmale, ist also nicht zu allgemein. Die Paraphrase erfüllt alle Kriterien der Fachsprache, in der sie verwendet wird  Einhaltung der Fachterminologie  Position im Begriffssystem wird deutlich
  11. Sollte die Übersetzung eine Paraphrase sein: Verlieren Sie nicht das eingangs genannte Setting aus den Augen: Die Paraphrase steht im Kontext, anstelle des Terminus. Hier können Sie auch die Grenze zwischen Definition und Paraphrase suchen. Tatsächlich ist eine Paraphrase ja auch irgendwie eine Definition, aber doch nicht ganz. Im Gegensatz zur Definition muss die Paraphrase sich organisch in den Kontext einfügen. Eine Paraphrase darf die Sachlogik und Prosodie der Aussage nicht beeinträchtigen, muss Teilinformationen, die der Kontext liefert oder präsupponiert werden können, implizieren. (Die Definition ist kontextlos und darf nichts implizieren.)
  12. Die Semantik der Wortbestandteile ist plausibel. Ein Schiebekran heißt wahrscheinlich so, weil irgendwo eine Schiebebewegung stattfindet. Eine geeignete Orientierung für die inhaltliche Richtigkeit der Termini bieten Ihnen die Äquivalenzrelationen von Koller (2011:191 ff.).
  13. Der Kontextbeleg ist eloquent. Belege wie dies gilt insbesondere für Wareneingangsbelegpositionen liefern keinen begrifflichen Kontext und bringen uns bei der hermeneutischen Erkundung nicht voran.
  14. Eine Definition kann1, muss aber nicht für beide Sprachen geliefert werden. Datenkategorien wie Kontextbeleg, Antonym oder Abbildung können eine vollwertige Definition sein.
  15. Stil, Register und Fachlichkeit von as und zs Terminus korrelieren miteinander. Das mag lexikographisch gedacht sein, ergibt im vorgegebenen Setting (konkreter Übersetzungs- oder Dolmetschauftrag) dann aber doch wieder einen Sinn.
  16. Es ist unschädlich, wenn Sie einen Terminus oder einen Begriff nicht belegen können; leer bleiben darf das zs Terminus-Feld trotzdem nicht → prägen oder paraphrasieren; Term-Quelle: „Verfasserin“ → Kontextbeleg: „fehlt“ ↗ Prägungsstrategien.
  17. Attribute werden granular angelegt: Ein Attribut (Feld) bildet genau eine Eigenschaft (Entity-Klasse) ab, keine Eigenschaftsfamilie.  Richtig: eine Spalte für Genus, eine Spalte für Numerus. Falsch: eine Spalte für Grammatik, die für Angaben zu Genus und Numerus genutzt wird.
  18. Inhalte werden elementar abgelegt (Freiheit von Wiederholungsgruppen).  Richtig: Für drei Kontextbelege werden drei Felder der Datenkategorie Kontextbeleg angelegt. Falsch: Alle drei Kontextbelege werden in einem Datenfeld gesammelt. Alle Attribute haben einen atomaren Werterbereich. Das Substantiv Atomizität / Atomarität ist in der Datenbanklehre anders belegt und bedeutet, dass eine Transaktion ganz oder gar nicht ausgeführt wird.
  19. Alle Lemmata sind gleichberechtigt (Benennungsautonomie). Aus semiotischer (und technischer) Sicht gibt es keinen Unterschied zwischen Vorzugsbenennungen, Synonymen, Abkürzungen etc.  Richtig: Es gibt nur eine Datenkategorie Term, die für alle Termini (egal, ob Vorzugsbenennung oder Synonym) verwendet wird. Falsch: Es existiert ein Datenfeld Synonym als Eintragsinformation (DIN 2342, Punkt 8.15).

Dienste

↗ TIPPS (Terminology Information Policy, Portal and Service)
↗ Deutscher Terminologie-Tag e. V. (DTT)
↗ DIN-TERMinologieportal
↗ Interactive Terminology for Europe (IATE)
↗ Microsoft Language Portal

Literatur

Arntz, Reiner et al. (2014): Einführung in die Terminologiearbeit. Hildesheim: Georg Olms

BDÜ (Hrsg.)(2005): Terminologie und Lexikographie. Bern: BDÜ-Fachverlag

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DIN 2331:2019-12: „Begriffssysteme und ihre Darstellung

DIN 2336:2004-06: „Darstellung von Einträgen in Fachwörterbüchern und Terminologie-Datenbanken

DIN 2340:2009-04 : „Kurzformen für Benennungen und Namen

DIN 2342:2011-08: „Begriffe der Terminologielehre  Inhaltsverzeichnis

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Herzog, Gottfried / Mühlbauer, Holger (2007): Normen für Übersetzer und technische Autoren. Berlin: Beuth

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ISO 860:2007: „Terminology work — Harmonization of concepts and terms

ISO 1087-1:2000: „Terminology work — Vocabulary — Part 1: Theory and application

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ISO 1951:2007-02: „ Darstellung/Repräsentation von Einträgen in Wörterbüchern

ISO 10241-1:2011-04: „ Terminologische Einträge in Normen - Teil 1: Allgemeine Anforderungen und Beispiele für ihre Darstellung

ISO 12615:2004: „Bibliographic references and source identifiers for terminology work

ISO 12616:2002: „Translation-oriented terminography

ISO 12620:2009: „Terminology and other language and content resources – Specification of data categories and management of a Data Category Registry for language resources

ISO 15188:2001: „Project management guidelines for terminology standardization

ISO 22128:2008: „Terminology products and services — Overview and guidance

ISO 26162:2012: „Systems to manage terminology, knowledge and content – Design, implementation and maintenance of terminology management systems

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Kemper, Alfons, Eickler, André (2015): Datenbanksysteme. Eine Einführung. Berlin, Boston: De Gruyter Oldenbourg

KÜDES (Hrsg.)(2002): Empfehlungen für die Terminologiearbeit. Recommendations for Terminology Work. Bern: Schweizerische Bundeskanzlei

Krings, Hans P. (1986): Was in den Köpfen von Übersetzern vorgeht: eine empirische Untersuchung zur Struktur des Übersetzungsprozesses an fortgeschrittenen Französischlernern. Dissertation. Tübingen: Narr

Mayer, Felix (1998): Eintragsmodelle für terminologische Datenbanken. Tübingen: Narr

Mossmann, Yvan (1988): „Die Terminologiedatenbank vor der Entscheidung: Was ist zu fordern?“. Krollmann, Friedrich / Werner, Reinhold (Hrsg.)(1988): Lebende Sprachen 33. Berlin, New York: De Gruyter. 1 - 10 und 57 - 62

Rat für Deutschsprachige Terminologie (RaDT), Veröffentlichungen

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Schmitt, Peter A. (1999): Translation und Technik. Tübingen: Stauffenburg

Schüßler, Hanna (2012): „Wer suchet, der findet?“. Die Vermittlung von Internetrecherchekompetenz in der Übersetzerausbildung. Hamburg: Dr. Kovac


1Hilfreich u. U. zum Sicherstellen von Äquivalenz. Eine Verdrehung von Ursache und Folge ist, eine solche Definition zu übersetzen, damit sie zweisprachig vorliegt.

Kontakt, Impressum, Datenschutzerklärung

Terminographie: Herr Stefan Rohde von TopTranslation (Hamburg) berichtet am 20. Mai um 15:15 Uhr über die Entwicklung des TVS Lexeri. Den Raum erfahren Sie am Tag des Vortrags an dieser Stelle. Etwaige Fragen bis dahin bitte an ialt.behrens@uni-leipzig.de
Im Rahmen des Digital Fellowship-Programms für die Weiterentwicklung der digitalisierten Hochschulbildung an den sächsischen Hochschulen in den Jahren 2019 bis 2023 öffnet das IALT die Veranstaltungen 04-005-1012-R.SE02 „Einführung ins Fachübersetzen B-Sprache“ und 04-MKD-2003-E.SE01 „Terminographie“ für die PGLU. Im Gegenzug lädt der Geschäftsführer der Zweigstelle Noworossisk der PGLU, Herr Prof. Dmitri Jurtschenko, unsere Studierenden zur LV „Письменный перевод текстов общей тематики de-ru“ ein. Das Seminar findet donnerstags 17:15 Uhr bis 18:45 Uhr statt. Nutzen Sie dieses Angebot! BBB-Link bei Alexander Behrens.