04-MKD-2003-R.SE01 Seminar „Terminographie“ 2. Semester

↗ 04-005-1012-R.SE01 Seminar „Terminographie“ 6. Semester
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Die terminographische Belegarbeit (nur 04-MKD-2003-R)

Fiktives Setting

Unser fiktives Setting ist die Begriffs- und Benennungsrecherche im Rahmen eines Übersetzungs- oder Dolmetschauftrags. Im übersetzerischen Alltag ist es eher die Ausnahme, dass wir einen Terminus in einem Nachschlagewerk finden – zu schnell differenzieren die Fachgebiete aus. Für die Suche nach geeigneten terminologischen Kandidaten (s. u. Glossarteil) sollte das Studium eines aktuellen Fachtexts genügen.

Der Glossarteil …

  • ist zweisprachig ru<>de
  • umfasst nicht weniger als 12 Begriffe, pro Sprache mindestens die folgenden Felder enthaltend:
  • Terminus
  • Quelle des Terminus (z. B. URL; bei Eigenprägung kann hier als Quelle auch „Verfasser/in“ angegeben werden)
  • Definition im weitesten Sinn (s. Ausführung unten; Nennung des Fachgebiets genügt nicht)
  • Kontextbeleg
  • wird bei mir als TBX eingereicht.

Machen Sie sich gleich eine ordentliche Datenbank für die Praxis und statten Sie die mit allen Datenfeldern aus, die Sie im Alltag gebrauchen können ↗ Modellierung einer Termbank.

Wenn Sie zu jedem Terminus ein Fachgebiet nennen wollen, können Sie sich am Fachgebietsregister des BDÜ orientieren; achten Sie aber zumindest darauf, dass das Fachgebiet, welches Sie nennen, auch eines ist. Wörter wie Finanzen oder Geschichte sind keine Fachgebiete.

Wird in der Zielsprache eine Paraphrase erforderlich, was besonders bei Realien passieren kann, so übersetzen Sie bitte den kompletten ausgangssprachlichen Kontextbeleg / Satz.

Checkliste für Auswahl der Termini

  1. Der Kandidat ist ein Substantiv, ein Verb, ein Adjektiv oder ein Adverb. Auch eine Abkürzung kann ein Terminus sein ↗ Benennungsautonomie.
  2. Der Kandidat besteht aus einem Wort oder aus einer Wortverbindung (etwa Genitiv- oder Präpositionalkonstruktion).
  3. Der Kandidat gehört einer Fachsprache an.
  4. Der Kandidat ist kein Okkasionalismus. Er gehört zum Ausdrucksinventar einer Fachgemeinschaft.
  5. Die Fach- bzw. Internetgemeinschaft hat die Arbeit nicht bereits für Sie erledigt. Ziel der Übung ist die Anwendung indeterminierter Recherchemethoden. Alles also, was Sie in einem Nachschlagewerk finden, kann als „abgeerntet“ und für die Hausarbeit ungeeignet gelten. Überzeugen Sie sich bitte deshalb im Vorfeld, dass der Terminus nicht schon im RUW, zweisprachig in der Wikipedia, in Multitran usw. enthalten ist.
  6. Der Kandidat wurde nicht durch Komposition oder Adjektivfügung aus zwei bekannten Konstituenten gebildet, dergestalt, dass er sich in der Zielsprache „von selbst“ erschließt  Schnellzug – скорый поезд.
  7. Der Kandidat ist kein Internationalismus  Tetrodotoxin – тетродотоксин.
  8. Die Kandidaten können unterschiedlichen Fachgebieten angehören.
  9. Die Rechercherichtung kann im Glossar wechseln (de → ru / ru → de).

Checkliste für die Datenqualität

  1. Der Terminus beugt sich den allgemeinen Groß- und Kleinschreibungsregeln der jeweiligen Sprache. Die Wikipedia, die jedes Lemma mit einem Großbuchstaben beginnt, ist hier kein Vorbild.
  2. Eventuell vorkommende Diakritika (etwa Tremas) sind in Lemmata gesetzt.
  3. Der Terminus steht, wenn nicht ein Pluraletantum oder nur in einer Objektbeziehung vorkommend, im Nominativ Singular / in der 1. Pers. Singular.
  4. Sollte die Übersetzung eine Paraphrase sein: Die Paraphrase erfasst alle für die Abrenzung von kontigen Begriffen im jeweiligen Kontext erforderlichen Merkmale, ist also nicht zu allgemein. Die Paraphrase erfüllt alle Kriterien der Fachsprache, in der sie verwendet wird. (Paraphrasieren bedeutet nicht Souveränität über die Textsortennorm!)
  5. Sollte die Übersetzung eine Paraphrase sein: Verlieren Sie nicht das eingangs genannte Setting aus den Augen: Die Paraphrase steht im Kontext, anstelle des Terminus. Hier können Sie auch die Grenze zwischen Definition und Paraphrase suchen. Tatsächlich ist eine Paraphrase ja auch irgendwie eine Definition, aber doch nicht ganz. Im Gegensatz zur Definition muss die Paraphrase sich organisch in den Kontext einfügen und ergibt nur im ganzen Satz einen Sinn. Eine Paraphrase darf die Sachlogik und Prosodie der Aussage nicht beeinträchtigen, dafür aber Teilinformationen, die der Kontext liefert, implizieren. (Die Definition ist kontextlos und darf nichts implizieren.)
  6. Die Semantik der Wortbestandteile ist plausibel. Ein Schiebekran heißt wahrscheinlich so, weil irgendwo eine Schiebebewegung stattfindet. Eine geeignete Orientierung für die inhaltliche Richtigkeit der Termini bieten Ihnen die Äquivalenzrelationen von Koller (2011:191 ff.).
  7. Der Kontextbeleg ist eloquent. Belege wie dies gilt insbesondere für Wareneingangsbelegpositionen liefern keinen begrifflichen Kontext und bringen uns bei der semasiologischen Arbeit nicht voran.
  8. Eine aristotelische Inhaltsdefinition kann, muss aber nicht für beide Sprachen geliefert werden. Zu Recht vermerkt Hohnhold (1990:7), dass ein Antonym1 eine Definition ersetzen kann; Gleiches darf für andere Datenkategorien wie Kontextbeleg oder Abbildung gelten.
  9. Eine Verdrehung von Ursache und Folge ist, eine solche Definition zu übersetzen, damit sie zweisprachig vorliegt.
  10. Stil, Register und Fachlichkeit von as und zs Terminus korrelieren miteinander. Das mag lexikographisch gedacht sein, ergibt im vorgegebenen Setting (konkreter Übersetzungs- oder Dolmetschauftrag) dann aber doch wieder Sinn.
  11. Es ist unschädlich, wenn Sie einen Terminus oder einen Begriff nicht belegen können; leer bleiben darf das zs Terminus-Feld trotzdem genauso wenig, wie der Begriff in der Übersetzung ungealisiert bleiben darf → prägen oder paraphrasieren; Term-Quelle: „Verfasserin“ → Kontextbeleg: „fehlt“. ↗ Realien im B-Gebiet Russisch
  12. Inhalte werden elementar (atomar, atomisch) abgelegt: pro Datenfeld ein Element.  Richtig: Für drei Kontextbelege werden drei Felder der Datenkategorie Kontextbeleg angelegt. Falsch: Alle drei Kontextbelege werden in einem Datenfeld gesammelt (Wiederholungsgruppen).
  13. Inhalte werden granular abgelegt: Eine Datenkategorie bildet genau eine Eigenschaft ab, keine Eigenschaftsfamilie: pro Eigenschaft eine Datenkategorie.  Richtig: eine Spalte für Genus, eine Spalte für Numerus. Falsch: eine Spalte für Grammatik, die für Angaben zu Genus und Numerus genutzt wird
  14. Alle Lemmata sind gleichberechtigt (Benennungsautonomie). Aus semiotischer (und technischer) Sicht gibt es keinen Unterschied zwischen Vorzugsbenennungen, Synonymen, Abkürzungen etc.  Richtig: Es gibt nur eine Datenkategorie Term, die für alle Termini (egal, ob Vorzugsbenennung oder Synonym) verwendet wird. Falsch: Es existiert ein Datenfeld Synonym als Eintragsinformation (DIN 2342, Punkt 8.15).

Quellen

Arntz, Reiner et al. (2014): Einführung in die Terminologiearbeit. Hildesheim: Georg Olms

BDÜ (Hrsg.)(2005): Terminologie und Lexikographie. Bern: BDÜ-Fachverlag

DIN 2342 (2011): Begriffe der Terminologielehre. Berlin: Beuth

Budin, Gerhard / Felber, Helmut (1989): Terminologie in Theorie und Praxis. Tübingen: Gunter Narr

Heid, U. / Freibott, G. (1990): „Terminological and Lexical Knowledge for Computer-Aided Translation and Technical Wrtiting“. Czap, H. / Nedobity, W. (Hrsg.)(1990): Terminology and Knowledge Engineering – TKE'90. Frankfurt: Indeks-Verlag. 522 - 535

Hohnhold, Ingo (1990): Übersetzungsorientierte Terminologiearbeit: eine Grundlegung für Praktiker. Stuttgart: InTra

International Information Centre for Terminology INFOTERM: „Links and Resources on Terminology Policies and Planning“. [22.04.2020]

Internationales Informationszentrum für Terminologie / International Information Centre for Terminology INFOTERM (1988): Richtlinien für die konventionelle und computerunterstützte übersetzungsorientierte Terminologiearbeit. Entwurf. Wien: De Gruyter

Konferenz der Übersetzungsdienste westeuropäischer Staaten; Arbeitsgruppe Terminologie und Dokumentation KÜWES (Hrsg.)(1990): Empfehlungen für die Terminologiearbeit. Recommendations for Terminology Work. Bern: Schweizerische Bundeskanzlei

Mayer, Felix (1998): Eintragsmodelle für terminologische Datenbanken. Tübingen: Gunter Narr Verlag Tübingen

Mossmann, Yvan (1988): „Die Terminologiedatenbank vor der Entscheidung: Was ist zu fordern?“. Krollmann, Friedrich / Werner, Reinhold (Hrsg.)(1988): Lebende Sprachen 33. Berlin, New York: De Gruyter. 1 - 10 und 57 - 62

ÖNORM 2710 (1993): Übersetzungsorientierte Terminographie. Terminographische Datenkategorien und Richtlinien für ihre Anwendung. Entwurf. Wien.

Sager, J. C. (1990): A practical course in terminology processing. Amsterdam, Philadelphia: John Benjamins

Schüßler, Hanna (2012): „Wer suchet, der findet?“. Die Vermittlung von Internetrecherchekompetenz in der Übersetzerausbildung. Hamburg: Dr. Kovac


1Dem Wort „gut“ können durch so unterschiedliche Antonyme wie „böse“ resp. „schlecht“ unterschiedliche Begriffe zugewiesen werden, hier nach der Dichotomie von Nietzsches Herren- und Sklaven-Moral. Andere Beispiele: „Grenzschicht“ als Gegenstück zu „Außenschicht“ in der Windkraft; „Übermaß“ als Gegenteil von „Spiel“ bei Kugellagern.