04-005-1012-R.SE01 Seminar „Terminographie“ 6. Semester, Donnerstag um 13:15, H001

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↗ 04-MKD-2003-R.SE01 Seminar „Terminographie“ 2. Semester, Donnerstag um 11:15, H001

Übersetzen als chaotischer Prozess

Konzentrisches Übersetzen

Die Idee einer vollständigen Kontrolle des Übersetzungsprozesses gehörte zu den Kinderkrankheiten der Translatologie und überlebte auch die pragmatische Wende, wurde von ihr vielleicht sogar indirekt genährt, hatte man doch mit dem Ausklang der ersten großen MT-Ära in den 1970er Jahren eine Art naturwissenschaftlichen Anstrichs eingebüßt und sich damit einiges an Verunsicherung eingehandelt. So mag es nicht Wunder nehmen, dass die noch in der Emanzipation begriffene Übersetzungswissenschaft sich zunächst jäh auf das Präskriptive verlegte. Mit der kommunikativ-pragmatischen Wende war die Stunde der Theoretiker gekommen.

Einen schwereren Stand hatten die prozessorientierten Empiriker ab der Mitte der 1980er Jahre, die es darauf ankommen ließen, irgendwann auf eine Blackbox zu stoßen, den Forschungsgegenstand an die Psychologie zu verlieren und damit der Übersetzungswissenschaft gleich die nächste Niederlage zu bescheren. Warum springt jemand im Text? Warum oder wann brauchen Übersetzer falsche Lösungen, um auf eine richtige zu kommen? Sollte Irren eine heuristische Strategie sein? Hilft lautes Mitsprechen? Diese Fragen lassen sich auch mit moderner Eyetracking-Technologie nur mühsam beantworten. In der übersetzerischen Praxis lernen wir, uns mit einem gewissen Kontrollverlust anzufreunden:

  • Wir stellen ein Problem zurück und wenden uns einem neuen Problem zu. Bei der Auseinandersetzung mit dem neuen Problem stoßen wir auf eine Lösung für das zurückgestellte.
  • Wir recherchieren im weltweiten Web erfolglos, finden aber irgendwann im Text selbst die Antwort.
  • Offene Fragen beschäftigen uns unbewusst, weshalb wir – außerhalb des willkürlich gesteuerten Übersetzungsprozesses und scheinbar zufällig – vom Alltag auf Lösungen oder Antworten gestoßen werden.

Für derartige Beobachtungen liefert die Literatur durchaus Erklärungen. Krings (1986:189 ff.) sieht in Konzentrik (iterativer Problemlösung) und Permutation (Lösung von Problemen nicht in der Reihenfolge ihres Auftretens, sondern nach anderen Kriterien wie Schwierigkeitsgrad) in erster Linie Entlastungsstrategien. Eine solche Entlastungsstrategie mag darin bestehen, dass wir uns mit mehreren Problemen alternierend (latent sicher auch parallel) befassen, und dies eben nicht, weil wir mit einem Problem allein unterfordert wären, son­dern überfordert. Krings (1986:192) führt die Entlastungswirkung auf etwas zurück, was er Kontaminationseffekt nennt: Zwei Lösungsroutinen dienen einander als Impulsgeber. Lösen als bilateraler Prozess.

Optimaler Arbeitsplatz des Übersetzers
Arbeitsplatz des Übersetzers

Es gibt auch linguistische Gründe, die ein konzentrisches Handeln sinnvoll erscheinen lassen. Texte sind vielschichtig und Übersetzen ein entsprechend konfliktreicher Prozess. Wir erleben immer wieder, wie wir beim Lösen eines Problems ein neues schaffen. Unser Nahziel ist es zu lernen, wie wir alle Ebenen des Textes in unsere Lösung einbeziehen bzw. für die Lösung nutzen, namentlich die Lösung für ein Problem nicht unbedingt in dessen eigener Ebene suchen.

Sphären
Beim Übersetzen bewegen wir uns zwischen unterschiedlichen, aber einander beeinflussenden Sphären.

Es ist das, was Swetlana Geier mit „Nase hoch beim Übersetzen“ umschrieben hat. Die in dieser Forderung liegende Befreiung mag exemplarisch in einer Technik deutlich werden, die Schmidt (1973:144) Dislokation genannt hat und sich vielleicht grob umschreiben lässt als "Reformulierung mit pragmatischem Fokus". Zum Begriff s. hier. Es lassen sich aber auch rein linguistische Beispiele finden:

  • Wir können ein semantisches Problem durch Verändern des Numerus oder des Genus steuern. im Prinzip hast du Recht → seine Prinzipien aufgeben  kein Geld haben → Zuweisung von Geldern  Der Virus hat mich im Griff. → Das Virus hat den Norden des Landes erreicht.
  • Wir können ein syntaktisches Problem lexikalisch lösen, etwa, indem wir ein Verb mit anderer Valenz wählen.
  • Wir können ein lexikalisches Problem syntaktisch lösen
  • Nominalisieren  бездельничать → Däumchen drehen (Funktionsverbgefüge)  Както зимой Александр Александрович подарил Анне Ивановне старинный гардероб. Он купил его по случаю. – Einmal, es war Winter, schenkte Aleksandr Aleksandrowitsch Anna Iwanowna einen alten Kleiderschrank. Der Schrank war ein Gelegenheitskauf ↗ Tropen: Metonymie, Synekdoche, pars pro toto, totum pro parte.
  • Denominalisieren  это еще не показатель → das hat noch nichts zu sagen
  • Wahl des Genus Verbi offen halten. Hierdurch erhalten wir Zugriff auf Verben unabhängig von deren Transitivitätseigenschaften  wurde geschaffen → ist entstanden.
  • Wir können eine pragmatische Botschaft – und hier kommt die prosodische Komponente der Syntax ins Spiel – über die Wortfolge steuern. Beispiel: Das Adverb zudem klingt satzeinleitend argumentativ; zur Satzmitte hin verliert es an Kraft und wird zunehmend auf seine ordnende Funktion reduziert ↗ Raum und Gewicht einer Aussage steuern.
  • Beim Ableiten eines Worts passieren mitunter semantische oder pragmatische Verschiebungen (Lexikalisierung). Die können wir nutzen, um die Konnotation, nicht selten gar die Denotation eines Ausdrucks mit morphosyntaktischen Mitteln zu modifizieren  vor jm Respekt haben → jn respektieren.

Spezialfall Lexik: Indeterminierte Recherche

  • Hyponym / Hyperonym einbeziehen  Renndirektor → wer ist Renndirektor der FIA? → Charlie Whiting → гоночный директор  Förderbank → was wäre zum Beispiel eine Förderbank? → kfw → это … банк развития
  • Antonym einbeziehen
  • intelligent guess: raten + in Google über Kontextbelege1 falsifizieren / verifizieren
  • Schmökern: Eingabe einer Kontextbenennung in der Zielsprache
  • Relaissprache einbeziehen, wenn Terminus dort bekannt
  • Kunde einbeziehen: Nicht zu paternalistisch denken.

Oft sind es mehrere Wissensfragmente, die sich zu einem Begriff zusammenfügen – keine enzyklopädische Sicherheit!

Quellen

Printwerke

Mayer, Felix (1998): Eintragsmodelle für terminologische Datenbanken. Tübingen: Gunter Narr Verlag Tübingen

BDÜ (Hrsg.)(2005): Terminologie und Lexikographie. Bern: BDÜ-Fachverlag

Schüßler, Hanna (2012): "Wer suchet, der findet?". Die Vermittlung von Internetrecherchekompetenz in der Übersetzerausbildung. Hamburg: Dr. Kovac

Hohnhold, Ingo (1990): Übersetzungsorientierte Terminologiearbeit: eine Grundlegung für Praktiker. Stuttgart: InTra

Arntz, Reiner et al (2004): Einführung in die Terminologiearbeit. Hildesheim: Georg Olms

Budin, Gerhard / Felber, Helmut (1989): Terminologie in Theorie und Praxis. Tübingen: Gunter Narr

Internetquellen

Referenz: K. Schmalenbach: Terminologie – Grundbegriffe

SDL Knowledge Base


1Hierzu gehört auch der Bildervergleich.

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