Dr. Alexander Behrens (IALT) – Unterrichtsserver


04-005-1012-R.SE01 Seminar "Terminographie" 6. Semester

Übersetzen als chaotischer Prozess

Konzentrisches Übersetzen

Die Idee einer vollständigen Kontrolle des Übersetzungsprozesses gehörte zu den Kinderkrankheiten der Translatologie und überlebte auch die pragmatische Wende, wurde von ihr vielleicht sogar indirekt genährt, hatte man doch mit dem kläglichen Ende der ersten großen MT-Ära in den 1970er Jahren eine Art naturwissenschaftlichen Anstrichs eingebüßt und sich damit einiges an Verunsicherung eingehandelt. So mag es nicht Wunder nehmen, dass die noch in der Emanzipation begriffene Übersetzungswissenschaft sich zunächst jäh auf das Präskriptive verlegte. Mit der kommunikativ-pragmatischen Wende war die Stunde der Theoretiker gekommen.

Einen schwereren Stand hatten die prozessorientierten Empiriker ab der Mitte der 1980er Jahre, die es darauf ankommen ließen, irgendwann auf eine Blackbox zu stoßen, den Forschungsgegenstand an die Psychologie zu verlieren und damit für die Übersetzungswissenschaft die zweite Pleite in Serie einzufahren. Warum springt jemand im Text? Warum und wann brauchen Übersetzer falsche Lösungen, um auf eine richtige zu kommen? Sollte Irren eine heuristische Strategie sein? Diese Fragen lassen sich auch mit moderner Eyetracking-Technologie nur mühsam beantworten. In der übersetzerischen Praxis lernen wir, uns mit einem gewissen Kontrollverlust anzufreunden:

  • Wir stellen ein Problem zurück und wenden uns einem neuen Problem zu. Bei der Auseinandersetzung mit dem neuen Problem stoßen wir auf eine Lösung für das zurückgestellte.
  • Wir recherchieren im weltweiten Web erfolglos, finden aber irgendwann im Text selbst die Antwort.
  • Offene Fragen beschäftigen uns unbewusst, weshalb wir – außerhalb des willkürlich gesteuerten Übersetzungsprozesses und scheinbar zufällig – vom Alltag auf Lösungen oder Antworten gestoßen werden.

Für derartige Beobachtungen gibt es in der Literatur durchaus Erklärungen. Krings (1986:189ff.) sieht in Konzentrik (iterativer Problemlösung) und Permutation (Lösung von Problemen nicht in der Reihenfolge ihres Auftretens, sondern nach anderen Kriterien wie Schwierigkeitsgrad) in erster Linie Entlastungsstrategien. Eine solche Entlastungsstrategie mag darin bestehen, dass wir uns mit mehreren Problemen alternierend (latent sicher auch parallel) befassen, und dies eben nicht, weil wir mit einem Problem allein unterfordert wären, son­dern überfordert. Krings (1986:192) führt die Entlastungswirkung auf etwas zurück, was er Kontaminationseffekt nennt: zwei Lösungsroutinen dienen einander als Impulsgeber. Offensichtlich können wir uns per Reizsteigerung aus Stagnationsszenarien befreien.

Optimaler Arbeitsplatz des Übersetzers
Arbeitsplatz des Übersetzers

Es gibt auch linguistische Gründe, die ein konzentrisches Handeln sinnvoll erscheinen lassen. Texte sind vielschichtig und Übersetzen ein entsprechend konfliktreicher Prozess. Wir erleben immer wieder, wie wir beim Lösen eines Problems ein neues schaffen. Unser Nahziel ist es zu lernen, wie wir alle Ebenen des Textes in unsere Lösung einbeziehen bzw. für die Lösung nutzen, namentlich die Lösung für ein Problem nicht unbedingt in dessen eigener Ebene suchen.

Sphären
Beim Übersetzen bewegen wir uns zwischen unterschiedlichen, aber einander beeinflussenden Sphären.

Es ist das, was Swetlana Geier gerne mit „Nase hoch beim Übersetzen“ umschrieben hat. Die in diesem Aufruf liegende Befreiung mag exemplarisch in einer Technik deutlich werden, die Schmidt (1973:144) Dislokation genannt hat und sich vielleicht grob umschreiben lässt als "Reformulierung mit pragmatischem Fokus". Zum Begriff s. hier. Es lassen sich aber auch rein linguistische Beispiele finden:

  • Wir können ein syntaktisches Problem lexikalisch lösen, etwa, indem wir ein Verb mit anderer Valenz wählen.
  • Wir können ein lexikalisches Problem syntaktisch lösen
  • Nominalisieren » бездельничать → Däumchen drehen (Funktionsverbgefüge)
  • Denominalisieren » это еще не показатель → das hat noch nichts zu sagen
  • Wahl des Genus Verbi offen halten: hierdurch erhalten wir Zugriff auf Verben unabhängig von deren Transitivitätseigenschaften » wurde geschaffen → ist entstanden
  • Wir können eine pragmatische Botschaft – und hier kommt die prosodische Komponente der Syntax ins Spiel – über die Wortfolge steuern. Beispiel: Das Adverb zudem klingt satzeinleitend argumentativ; zur Satzmitte hin verliert es an Kraft und wird zunehmend auf seine ordnende Funktion reduziert. Verwandtes Thema »  Raum und Gewicht einer Aussage steuern
  • Beim Ableiten eines Worts passieren mitunter semantische oder pragmatische Verschiebungen. Die können wir nutzen, um die Konnotation, nicht selten gar die Denotation eines Ausdrucks mit morphosyntaktischen Mitteln zu modifizieren » jn respektieren → vor jm Respekt haben.

Spezialfall Lexik: Indeterminierte Rechercheverfahren

  • Recherche über anderen Begriff
  • Person (Renndirektor – wer ist Renndirektor in der Formel 1?)
  • Hyperonym / Hyponym (Förderbank = kfw = development bank)
  • bekanntes Antonym
  • Bildrecherche (Sprengring – circlip – spring ring)
  • raten, in Google falsifizieren / verifizieren, Kontext untersuchen, bei Synonymen statistisch entscheiden
  • nach zweisprachigen Dokumenten suchen (Katalog, behördliche Seite)
  • Zielsprache als Ausgabesprache einstellen (in den Sucheinstellungen von Google)
  • Schmökern
  • Eingabe einer Kontextbenennung in der Zielsprache
  • Aufsuchen vergleichbarer Unternehmensseiten
  • Arbeiten mit Trunkierung (besonders geeignet zur Recherche von Kollokationen)
  • Recherche über Relaissprache
  • Der Kunde ist eine wichtige Quelle: Nicht zu paternalistisch denken.

Oft sind es mehrere Wissensfragmente, die sich zu einem Begriff zusammenfügen – keine enzyklopädische Sicherheit!

Quellen

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