Übersetzungsparadigmen

Cicero zwischen Wort und Sinn

Das Spannungsfeld, in dem sich Cicero (später auch Hieronymus) sah, hat Baumann (2018) mit der Formel Wort und Sinn umschrieben. Cicero erklärt in seinem Traktat De optimo genere oratorum, Teil V, Passus 14 (bei Desktop-Geräten finden Sie im Tooltip den Versuch einer Interlinearübersetzung):

Converti enim ex Atticis duorum eloquentissimorum nobilissimas orationes inter seque contrarias, Aeschinis et Demosthenis; nec converti ut interpres, sed ut orator, sententiis isdem et earum formis tamquam figuris, verbis ad nostram consuetudinem aptis. In quibus non verbum pro verbo necesse habui reddere, sed genus omne verborum vimque servavi.

Die Goethe'schen Übersetzungsmaximen

Die Dichotomie dessen, was Eickenrodt et al. (2001:18) Hinüber- oder Herüberübersetzen nannten, beschreibt Johann Wolfgang von Goethe in seinem bekannten Nekrolog1 auf den Dichter und Übersetzer Christoph Martin Wieland (1733-1813) so:

Es gibt zwei Übersetzungsmaximen: die eine verlangt, daß der Autor einer fremden Nation zu uns herüber gebracht werde, dergestalt, dass wir ihn als den Unsrigen ansehen können; die andere hingegen macht an uns die Forderung, dass wir uns zu dem Fremden hinüber begeben, und uns in seine Zustände, seine Sprachweise, seine Eigenheiten finden sollen. Die Vorzüge von beiden sind durch musterhafte Beispiele allen gebildeten Menschen genugsam bekannt.

Transfertypen nach Christiane Nord

Typ 1: Dokumentarische Übersetzung

Wir lesen in Nord (1989:102):

Die dokumentarische Übersetzung hat die Funktion, eine Kommunikationshandlung, die in der Kultur A unter bestimmten situationellen Bedingungen stattgefunden hat, zu dokumentieren und dem Zielempfänger bestimmte Aspekte dieser vergangenen Kommunikationshandlung nahezubringen.

Typ 2: Instrumentelle Übersetzung

Weiter führt Nord (1989:103) aus:

Bei der instrumentellen Übersetzung dient das Translat in einer neuen, zielkulturellen Kommunikationshandlung als „Instrument“ zur Erreichung eines kommunikativen Ziels, ohne daß der Zielempfänger sich dessen bewußt sein muß, daß er gewissermaßen nicht einen „brandneuen“ Text vor sich hat, sondern einen, der in anderer Form bereits früher in einer anderen Kommunikationshandlung als Instrument gedient hat. Er weiß daher auch nicht, ob die Funktion des Textes in dieser früheren Kommunikationshandlung die gleiche war wie die, die der ihm selbst vorliegende Text erfüllen soll, sondern er beurteilt diesen Text danach, ob er für ihn funktionsgerecht ist.

Diskussion

Cicero scheint mit seiner Wortwahl (siehe oben die Opposition verbum pro verbo vs. … genus omne verborum) zunächst seinen Platz zwischen Linguistik und Semantik zu suchen; mit der Verankerung seiner Argumentation jedoch in Rollen (interpres  vs. orator) geht Cicero weiter und greift modern anmutenden Sichtweisen wie Holz-Mänttäri (1984) und Nord (1989) vor.

Goethes Dichotomie zielt auf die Beziehung zwischen der Übersetzung (als Repräsentanten des Autors) und deren Rezipienten, der sozusagen zu Besuch geht oder Besuch bekommt. Im Gegensatz zu Cicero lässt der Dichterfürst ein Nebeneinander zu:

Unser Freund, der auch hier den Mittelweg suchte, war beide zu verbinden bemüht; doch zog er als Mann von Gefühl und Geschmack in zweifelhaften Fällen die erste Maxime vor.

Nord orientiert sich an der Kommunikationshandlung, die entweder dem Rezipienten der Übersetzung referiert oder aber von ihm erlebt wird. Auch für Nord haben beide Wege ihre Berechtigung, doch gibt es bei Nord ein Entweder-Oder.

Die Unterschiedlichkeit der genannten Dichotomien mag u. a. der Tatsache geschuldet sein, dass die Bandbreite übersetzter Textsorten gewachsen ist und das Verhältnis aus Glaube und Wissen und damit auch der Textbegriff sich im Zuge von Aufklärung und industrieller Revolution gewandelt haben.

Die heute wahrscheinlich am häufigsten referierte Dichotomie, jene von Nord, mag man wie folgt interpretieren:

dokumentarischinstrumentell
AutonomiegradÜbersetzung ist abhängig, zeigt auf OriginalÜbersetzung ist autonom, ersetzt (ist) Original
Beispiele auf LexikebeneBeispiele auf Lexikebene:  свидетельство о заключении брака → Heiratsurkunde  торгово-промышленная палата – Handels- und IndustriekammerBeispiele auf Lexikebene:  свидетельство о заключении брака → Eheurkunde  торгово-промышленная палата – Industrie- und Handelskammer
TextsortenbeispieleTextsortenbeispiele: Personenstandsurkunde, Vertrag, Presseschau; auch Übersetzungen hermeneutisch anspruchsvoller Texte und damit praktisch aller Texte aus dem Altertum werden eine deutlich dokumentarische Note tragenTextsortenbeispiele: Montagehandbuch, UI-Textsorten
KommentareKommentare sind erlaubt und oft nötig, weil Mittel der Adaptation nicht eingesetzt werden könnenKommentare sind i. d. R. nicht sinnvoll, oft nicht möglich
RomanisierungRomanisierung: tendenziell TransliterationRomanisierung: tendenziell Transkription
MakrostrukturMakrostruktur entspricht OriginalMakrostruktur wird u. U. an Konventionen der Zielkultur angepasst

Die beschriebene Typologie ist freilich nur ein Modell, wegen der antithetischen Anlage vielleicht nicht einmal ein sehr glückliches: Indem wir beim Übersetzen eines Turgenews den Lokal2- und Temporalkolorit3 erhalten, handeln wir nach Nord (1989:103, dort exotisierende Übersetzung genannt) dokumentarisch. Aber wir handeln auch instrumentell. Denn, indem der Leser unsere Übersetzung liest, wird nicht eine vergangene Kommunikationshandlung dokumentiert; vielmehr liegt die eine vom Autor gewollte und vom Rezipienten gesuchte originale Situation vor, die darin besteht, das der eine erzählt und der andere zuhört.

↗ Lokalisierung
↗ Assimilation

Literatur

Albrecht, Jörn / Plack, Iris (2018): Europäische Übersetzungsgeschichte. Tübingen: Narr

Baumann, Lukas Michael (2018): Wort und Sinn. Übersetzungsreflexionen bei Cicero und Hieronymus. Freiburg: Rombach

Cicero, Marcus Tullius: De optimo genere oratorum (01.12.2019)

Eickenrodt, Sabine et al. (Hrsg.)(2001): Übersetzen – Übertragen – Überreden. Würzburg: Königshausen u. Neumann

Goethe, Johann Wolfgang von: Zu brüderlichem Andenken Wielands (28.11.2019)

Holz-Mänttäri, Justa (1984): Translatorisches Handeln: Theorie und Methode. Helsinki: Suomalainen Tiedeakatemia.

Nord, Christiane (1989): „Loyalität statt Treue. Vorschläge zu einer funktionalen Übersetzungstypologie“. Lebende Sprachen 24, 3/89, 100-105. Berlin, Tübingen: de Gruyter.

Weigert, Sebastian (2016): Hebraica veritas Übersetzungsprinzipien und Quellen der Deuteronomiumübersetzung des Hieronymus. Stuttgart: Kohlhammer.


1„Zu brüderlichem Andenken Wielands“
2Übernahme von Anredekonventionen wie Vor- und Vatersname, Beibehaltung des Hangs zur Diminuierung, Übernahme lokaler Deiktika
3Übernahme von Höflichkeitsformeln vergangener Epochen, Übernahme temporaler Deiktika, Präsupponieren eines zeitgenössischen Lesers (beispielsweise etwas in Vergessenheit Geratenes nicht erklären)