Vorreiter

Geschichte des Terminus

Reiners (1944) verwendet für kataphorische Teilsätze (die Sache ist die ...) zunächst den Ausdruck Vorreitersätze. Liebsch (1962) entwickelt die Darstellungen von Reiners (1944) für Wörter und kleine Wortgruppen weiter und prägt den Terminus Vorreiterwort. Diesen Ausdruck greifen Krahl / Kurz (1975) auf:

1. Ironisch-bildhafte Bezeichnung für Bezugswörter und -fügungen, die den semantisch wichtigeren Begriff syntaktisch unterordnen. Vorreiter sind ursprünglich sinnvolle, dann aber meist schablonisierte Wörter und Fügungen wie Sache des/der, Problem des/der, aus den Reihen der (= 'aus der'), im Zuge des (= 'beim'), im Interesse der (= 'für die'), in der Zeit des (= 'während'), auf den Seiten der (= 'in der'). Neben solchen floskelhaft gewordenen Wortkomplexen kann auch jede Wortgruppe als Vorreiter bezeichnet werden, bei der die Aussage allein im formal abhängigen Satzteil, dem Attribut, vollzogen wird, z. B. in der folgenden Formulierung: die Schaffung einer atomwaffenfreien Zone fordern (= 'eine atomwaffenfreie Zone fordern'); alle Kraft im Dienste der Verwirklichung der Beschlüsse zur Durchführung des (= 'alle Kraft für den'). Derartige Fügungen waren oft Gegenstand satirisch überspitzter Sprachglossen, so daß in bedeutenden Publikationen und Publikationsorganen diese Unsitte kaum mehr zu finden ist. Bei der Vorreiter-Konstruktion handelt es sich um einen Widerspruch zwischen Inhalt und Form, indem die Begrifflich dominierenden Vorstellungen grammatisch – möglicherweise sogar mehrfach – untergeordnet sind.
2. Bezeichnung für rhetorische Floskeln, Satzteile und Sätze, die keine inhaltliche Bedeutung haben, günstigenfalls die eigentliche Äußerung ("zur Sache") vorbereiten, z. B. ich würde meinen; man könnte sagen; meiner Meinung nach – wenn ich das so sagen darf – könnte man ...

Schmidt (1982) schließlich beschreibt den Vorreiter-Begriff – konkret das, was Liebsch (1962) den prädikativen Vorreiter nennt – speziell für das Russische und legt damit den Grundstein für unsere heutige Verwendung des Terminus Vorreiter im Sprachkontakt Russisch-Deutsch.

Beispiel:

В связи с сокращением на Земле запасов традиционного топлива (нефти, газа, угля и т.п.) перед человечеством остро стоит проблема поиска альтернативных источников энергии.

Dass die Menschheit sich nach alternativen Energiequellen umschauen muss, ist kein Problem, sondern allenfalls eine Tatsache, die gesagt sein will. Das Wort проблема ist ein Vorreiter und hat in unserer Übersetzung nichts zu suchen:

Der Vorrat an fossilen Rohstoffen wie Öl, Gas und Kohle auf der Erde ist begrenzt, weshalb der Mensch sich bald auf alternative Energiequellen wird besinnen müssen.

Begriffserklärung: prädikativer Vorreiter

Der prädikative Vorreiter entsteht durch stilisierende Umwandlung einer Kopula in eine Genitiv-Beziehung »  die Strafe des Räderns (das Rädern ist eine Strafe) »  операция по замене митрального клапана (der Mitralklappenersatz ist eine Operation).

Mit dem Terminus Vorreiter bezeichnen wir Appositionen, die selbst semantisch schwach und ihrem (semantisch tragenden) Beziehungswort vorangestellt sind. Im Deutschen haben Vorreiter oft den gleichen Kasus wie das Beziehungswort (die Stadt Berlin) oder sind nomen regens in einer Genitivverbindung (» der Fluch der Begabung » die Strafe der Verbannung).

Begriffserklärung: präpositionaler Vorreiter

Substantive mit präpositionaler Funktion nennt Liebsch (1962) präpositionale Vorreiter »  für die Menschen → im Dienste der Menschheit »  während des Krieges → in der Zeit des Krieges

Vorreiter als Stilmittel

Vorreiter haben im Deutschen als Stilmittel oder als Erklärungszusätze eine Daseinsberechtigung. Gebräuchlicher noch als im Deutschen sind Vorreiter aber im Russischen, wo sie mitunter inflationär verwendet werden »  дело чего-л. »  проблема чего-л. »  вопрос чего-л. / о чем-л. Unreflektiert übernommen, lassen solche Vorreiter den deutschen Satz sperrig erscheinen  – dann Eliminierung! »  с большой долей вероятности → mit großer Wahrscheinlichkeit.

Literatur

Krahl, Siegfried / Kurz, Josef (1975): Kleines Wörterbuch der Stilkunde. Leipzig: VEB Bibliographisches Institut

Liebsch, Helmut (1962): Besser und verständlicher durch stilistische Umformung. Sprachpflege 10, 205-207

Reiners, Ludwig (1944): Deutsche Stilkunst: ein Lehrbuch deutscher Prosa. München: Beck.

Schmidt, Heide (1982): Zur Beschreibung der Äquivalenzbeziehungen bei Kompressionen in Übersetzungen aus dem Russischen ins Deutsche. Dissertation. Leipzig: Karl-Marx-Universität.

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