Ausdruck

Sprache und Heuristik

In den Lehrveranstaltungen und bei der Auswertung von Prüfungsleistungen wird gelegentlich diskutiert, ob es beim Ausdruck Normen geben kann. In dieser Diskussion geht es nicht so sehr um sprachliches Können – Fehler stehen jedem zu – als um die bloße Anerkenntnis von Sprache als etwas, das Können erfordert. Dem Wort (griechisch logos) wird mitunter jede sachlogische Funktion, jeder innere Sinn abgesprochen. Was alle sagen, kann doch nicht falsch sein?

Dabei ist das im Diskurs am häufigsten zu Felde geführte Argument einwandfrei: Sprache entwickelt sich. Schon Bach und Schubert haben Grenzen überschritten, damit den Groll konservativer Zeitgenossen auf sich gezogen und mit ihren „Kompositionsfehlern“ schließlich den Weg für Entwicklung freigemacht.

Nur gibt es da einen Unterschied: Die genannten Herren haben Regeln verletzt, die sie kannten und beherrschten. Und sie haben damit die Ausdrucksmöglichkeiten ihrer Zeit erweitert. Studierende hingegen haben heute zu oft mit einer Verkümmerung ihres Ausdrucksvermögens zu kämpfen.

Was heißt das? Das heißt: Es ist nicht egal, ob eine Übertretung als Mittel passiert oder aus Unkenntnis.

Natürlich kann man es für eine Qualifikation halten zu schreiben wie andere reden und das durch Argumente ad populum (also per Verweis auf die Mehrheit der Sprachbenutzer) rechtfertigen. Ein akademisches Studium lässt sich so aber nicht begründen. Denn das Wort ist eine Schöpfung des Denkens und umgekehrt1, nicht allein des Gebrauchs. Wirkliche Еntwicklung – auch im Sprachlichen – folgt der Erkenntnis.

Die Mehrheit, wohlgemerkt, der Anbieter auf dem Sprachdienstleistungsmarkt, die Crowd etwa oder soziale Kanäle, betreibt das Übersetzen nicht zum Lebensunterhalt, ist entsprechend billig, kann eine sachfachliche Qualifikation vorweisen und darf genau deswegen in Sprache auch ein Nebenprodukt sehen. Neuronale Netzwerke wissen besser als der geselligste Mensch, wie heute geredet wird. Ein Berufen auf die Mehrheit ist daher nicht nur unakademisch, sondern auch kein Geschäftsmodell.

↗  Gutes modernes Deutsch – empfohlene Literatur
↗  Hinweise für die Anfertigung wissenschaftlicher Arbeiten

Beispiele für Sprachnormverletzungen

Störungen der Fachsprachlichkeit

Tabu in wissenschaftlichen Arbeiten sind Entgleisungen ins Umgangssprachliche, genauso aber auch intellektuelles Gebalze oder ein geschäftsmäßiger Stil bzw. alles, was die Sprache aufplustert. Die Sprache darf schlicht sein, und sie muss es umso mehr, je komplexer die mit ihr dargestellten Sachverhalte werden. Verzichten Sie möglichst auf …

  1. unnötige Gradadverbien  sehr  enorm  völlig  extrem (wo nicht extrem gemeint ist),
  2. unmotivierte Superlative  unterschiedlichste Methoden  auf verschiedenste Art,
  3. nichtfachsprachliche Hendiadyoin  klar und verständlich,
  4. doppelte Verneinungen  nicht unwesentlich  wenig sinnvoll,
  5. Business-Sprech bzw. alles, was den Leser herabstuft  grundsätzlich (wo nicht grundsätzlich gemeint ist)  schlichtweg  mehr oder weniger  relativ (wenn nicht relativ gemeint ist).

Tautologien ohne rhetorische Funktion

 wird auf etwa … geschätzt  wie z. B.  Gutachterin Gabriele Teichert war zu dem Schluss gekommen, dass Dora M. in ihrer Darstellung des Geschehens möglicherweise übertrieben oder Detlef Hardt sogar gänzlich falsch beschuldigt haben könnte.  Der Ausdruck „weißer Schimmel“ ist das klassische Schulbeispiel für einen Pleonasmus.

Störungen der Sachlogik

  1. Vergleich und Opposition  Der Dressursport hatte in Russland seine Anfänge im auslaufenden 19. Jahrhundert. Es kamen allerdings bevorzugt Warmblüter zum Einsatz. Mit dem Adverb allerdings sagt die Verfasserin, dass das 19. Jahrhundert durch den Einsatz von Warmblütern nicht so recht zum Zuge kam.  In der russischen Kultur werden Prjaniki zum Tee serviert, während in Deutschland Lebkuchen hauptsächlich in der Weihnachtszeit gegessen werden. Hier sagt die Verfasserin, dass in Deutschland zur Weihnachtszeit kein Tee getrunken wird.  Eine Analyse zeigt, dass nicht ausschließlich Singvogel-Männchen trällern – auch die Damen zwitschern weitaus häufiger als angenommen. Hier wird gesagt, dass Männchen häufiger als angenommen zwitschern.  Andreas Scheuer plant höhere Bußgelder für Verkehrssünder. Falschparkende sollen laut dem Verkehrsminister künftig bis zu 100 Euro Strafe zahlen. Zudem sollen Autos mit zwei oder mehr Insassen künftig die Busspuren nutzen dürfen. Der Satz Andreas Scheuer plant … ist die Überschrift. Der nun folgende Satz (Falschparkende sollen …) ist eine erste Konkretisierung des in der Überschrift Gesagten. Mit der dann folgenden Satzeinleitung Zudem … wird eine zweite Konkretisierung, ein zweites Glied einer Aufzählung angekündigt, das dann nicht folgt.
  2. Kausalität  Hönig und Kußmaul (1982: 53) nennen diese sprachlichen Elemente Unika im soziokulturellen Bereich. Somit weisen diese besonderen sprachlichen Mittel Lokalkolorit auf und wecken damit gebundene Assoziationen in der Ausgangskultur. Hier behauptet die Verfasserin, Lokalkolorit entstünde dadurch, dass Hönig und Kußmaul solche sprachlichen Elemente Unika im soziokulturellen Bereich genannt haben. Im zweiten Teil sagt sie, die genannten sprachlichen Mittel würden Assoziationen in der Ausgangskultur wecken, weil sie Lokalkolorit aufweisen. Hier wird eine Paraphrase zu einer Kausalität aufgemöbelt. Letzteres – das Aufmöbeln einer banalen Paraphrase – geschieht auch in diesem Satz:  Aufgrund des Analphabetismus zu der damaligen Zeit verfügte das einfache Volk über einen geringen Bildungsgrad.  Da diese Arbeit im Fachbereich Translatologie eingereicht wird, richtet sie sich in erster Linie an Übersetzer und Dolmetscher. Die Verfasserin dieses Satzes stellt die Kausalität auf den Kopf, indem sie sagt, der Zielleser einer wissenschaftlichen Arbeit würde von dem Fachbereich abhängen, in dem sie eingereicht wurde.
  3. semantische Kongruenz  Am Rand des Bildes hat er möglicherweise zufällig einen Teil des Fahrwerks von Earharts Lockheed 10-E Electra dokumentiert, glauben einige Experten. In diesem Satz harmoniert die Modalität des Satzadverbs möglicherweise nicht mit jener des Verbs glauben.

Nichtkennzeichnung eines Referentenwechsels

  1. Nichtkennzeichnung einer linearen Rhema-Thema-Progression  Die Berliner Polizei ermittelt gegen einen Mann, der offenbar aus rassistischen Motiven eine Frau attackierte. Außerdem bedrohte er sie und ihre Begleiterin laut einer Meldung mit einer Ratsche. Das Adverb außerdem kündigt hier eine Progression mit durchlaufendem Thema an, etwa so: Außerdem ermittelt sie gegen eine Frau wegen unterlassener Hilfeleistung. Sachlogisch ist der Anschluss falsch, weil die mit dem Adverb außerdem angekündigte Erweiterung der Aufzählung ausbleibt: Wir haben hier lediglich eine Konkretisierung des bereits Gesagten.  Meerestiere fressen die Tüten, man fand sie im Körper von Walen und sogar im Marianengraben. Hier wird gesagt, dass im Marianengraben Meerestiere gefunden wurden. Der unvermittelte Übergang von den Walen zum Marianengraben suggeriert überdies, der Marianengraben würde Tüten fressen.
  2. Nichtkennzeichnung eines Subjektwechsels  Um die Akkus aufzuladen, müssen die Roller zu Ladestationen gebracht werden. Hier wird gesagt, dass die Roller Akkus aufladen.  Angeheizt wurde die Protestbewegung durch die aggressive Taktik der Polizei gegen Demonstranten. Andererseits griffen die Sicherheitskräfte nicht ein, als am 21. Juli ein Schlägertrupp – weiß gekleidete vermummte Männer – gezielt Regierungsgegner, aber auch Pendler mit Stöcken an einem Nahverkehrsbahnhof angriff. Die Rhemafrontierung im ersten Satz Angeheizt wurde … würde nur bei einer Beibehaltung des Subjekts funktionieren: Angeheizt wurde die Lage durch dies, beruhigt wurde die Lage durch jenes. Gleiches (die erwartbare Referenzidentität) gilt für den Anschluss mit dem Adverb Andererseits: Einerseits macht mich das froh, andererseits macht mich das traurig.
  3. Nichtkennzeichnung eines Objektwechsels  Das Gleiche gilt aber auch für den ungelernten Hilfsarbeiter in der Großwohnsiedlung in derselben Stadt, dessen Lebensstandard seinen Freunden und Bekannten ähnelt. Hier wird gesagt, dass der Lebensstandard Freunden ähnelt.  Eine Wärmepumpe nutzt Umweltwärme aus der Erde, dem Wasser und der Luft, die die Experten als Niederpotenzial-Wärme bezeichnen. Hier wird gesagt, dass Experten die Luft als Niederpotenzial-Wärme bezeichnen.

Fehlverweise auf nominale Fügungen

  1. Genitiverweiterung eines Kompositums bezieht sich auf Bestimmungswort  Abnahmebedingungen der erbrachten Leistungen (hier als Übersetzung der Überschrift Порядок приемки оказанных услуг) In der deutschen Übersetzung geht der im Russischen vorliegende Bezug zwischen „Bedingungen“ und „Abnahme“ sowie jener zwischen „Abnahme“ und „Leistungen“ verloren; der im Deutschen hergestellte Bezug „Bedingungen der Leistungen“ ist falsch.
  2. Präpositionale Erweiterung eines Kompositums bezieht sich auf Bestimmungswort  Japan lockert Exportbeschränkungen nach Südkorea Mit dieser Überschrift wird gesagt, dass Japan nach Südkorea beschränkt.
  3. Grundwort wird zu Attribut gemacht  Seit Jahren warnen wir Freiheitliche vor der mangelnden Sicherheit von Radanhängern oder Lastenfahrrädern zum Kindertransport im Straßenverkehr. Mit diesem Satz wird vor der Sicherheit von Radanhängern gewarnt.  Gericht weist Klage gegen verdeckte Ekelbilder ab Mit dieser Überschrift wird gesagt, dass jemand gegen Ekelbilder geklagt hat.  Der größere Anteil an schweren Kohlenwasserstoffen führt zu einer erheblichen Erhöhung der Taupunkttemperatur des Gases. Hier sagt der Verfasser, dass der Anteil zu einer Erhöhung führt.

1siehe Sapir-Whorf-Hypothese

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Literaturempfehlung: Fachzeitschrift MDÜ – Ausgabe 2019-2 „Honorare und Preise“
An die Studierenden des angehenden dritten Semesters B. A.: Sollten Sie erwägen, das fünfte Semester im Ausland zu verbringen, so wäre es für Sie u. U. vorteilhaft, die Dolmetschveranstaltung von 04-005-1007-R schon im dritten Semester zu besuchen.